Text / Diakonie Schweiz

Diakonische Gemeinschaften: Verbindlich mitten im Quartier
Zusammen leben, aber nicht unbedingt als Paar oder Familie. Trotzdem Tisch und Stuhl teilen, gemeinsam essen, das Haus versorgen und Verantwortung im Quartier tragen. Was am Anfang so klingt wie eine Wohngemeinschaft, geht darüber hinaus, nennt sich Diakonische Gemeinschaft und ist seit Jahrhunderten Caring Community.

Gar eine Neugründung gab es Anfang 2019 in Basel. Die Stiftung Bethesda initiierte eine Kommunität, die allen erwachsenen Menschen unabhängig von Zivilstand und Kirchenzugehörigkeit offensteht. Sie soll mittelfristig die bestehende Schwesternschaf als Trägerin des Diakonats ablösen, denn die Schwestern nehmen keine neuen Frauen mehr in ihre Gemeinschaft auf. Der Altersunterschied zur bestehenden Schwesternschaft wäre zu gross, heisst es. Die Bethesda Weg-Gemeinschaft organisiert sich zunächst als Netzwerk mit regelmässigen Treffen. Eine Wohn- oder Hausgemeinschaft sei keine Bedingung, deswegen könnten Personen zur Gemeinschaft gehören, wo auch immer sie gerade lebten.

Diakonische Gemeinschaft?
Der Ursprung der diakonischen Gemeinschaften geht weit zurück und lässt sich am Beispiel des deutschen Pfarrers Theodor Fliedner erklären. Dieser gründete 1837 in Kaiserswerth ein Diakonissenhaus. Er nahm Frauen in eine verbindliche Gemeinschaft auf und ermöglichte ihnen eine Ausbildung. Die Diakonissenbewegung stellte schon bald eine erfolgreiche Antwort auf die Umbrüche des 19. Jahrhunderts dar. Diakonissen waren vielfältig tätig: in Gemeinden, Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, Kindergärten, Horten und Kinderheimen, in der offenen Jugendarbeit, in Ausbildungsstätten und anderen Bereichen. Mit ihrer Tracht sind und waren sie ein „Markenzeichen“ der Diakonie.

Schon bald nach der Gründung gab es jedoch Frauen, die eine diakonische Gemeinschaft wünschten, aber nicht ehelos als Diakonisse leben wollten. So entstanden andere Gemeinschaften in den Häusern, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts auch für Männer öffneten. Mittlerweile gibt es daneben sogar solche Gemeinschaften, die auch den Mitarbeitenden in den diakonischen Einrichtungen offenstehen.

Eine diakonische Gemeinschaft entspringt also einer gänzlich anderen Idee als die der rein zweckmässigen Wohngemeinschaft. Und doch, so Walter Wilhelm von der Bethesda-Gemeinschaft gegenüber diakonie.ch, teilten sie dieselbe Grundidee. Sie setzen das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Verbundenheit um, das heute wie früher in den Menschen besteht. Verschiedene Modelle von Gemeinschaften und gemeinschaftlichem Leben könnten dieses Bedürfnis aufnehmen, so Wilhelm. Generationenhäuser, Wohngemeinschaften, Interessengruppen oder eben diakonische Gemeinschaften.

Eine Nische abseits des Mainstreams
Schaut man sich um, so scheinen verbindliche Lebensgemeinschaften eine Nische abseits des Mainstreams zu besetzen. Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert, so Simon Hofstetter. Der Stabsleiter der Diakonie Schweiz ist ausserdem Diakonie-Dozent an der Universität Bern. Bis zur unmittelbaren Nachkriegszeit hätten sich Diakonissenhäuser sehr stark ausgebreitet und dominierten zu wesentlichen Teilen das Sozial- und Gesundheitswesen. Seither, so Hofstetter, sei es nicht gelungen, den gesellschaftlichen Wandel mitzugehen. Nicht alle, aber viele hätten sich zurückgezogen. Insofern könne man auch bei den daraus resultierenden Diakonischen Gemeinschaften heute in der Tat von einem Nischenprodukt sprechen.

Wichtiger als die Breitenwirkung sei einer solchen Gemeinschaft oft die Vertiefung, betont dagegen der Vorstand des Stadtklosters Zürich. Marco Würgler, Karl Flückiger, Doris Kradolfer und Cornelia Schnabel. Das in Räumen der Reformierten Kirche Zürich eingemietete Stadtkloster bietet seit einigen Jahren eine Lebensgemeinschaft für acht Personen. Klostergemeinschaften und diakonische Gemeinschaften seien Experimentierräume, Orte, an denen gutes Leben eingeübt werde. Gerade dadurch hätten sie aber Prägekraft für die Gesellschaft. Die Frage sei, ob letztendlich wirklich das Breitentaugliche überleben werde, oder nicht vielmehr das, was tiefenwirksam sei. Diese Frage sollten sich Kirchen auch dann stellen, wenn sie Finanzen von Verkündigung, Seelsorge, Bildung und Diakonie hin zur Verwaltung verlagerten, betont der Stadtkloster-Vorstand.

Dass sich diakonische Gemeinschaften durch ihr spezifisches Profil durchaus und in besonderer Weise im Markt des Helfens profilieren können, darauf verweist Roland Luzi, Koordinator und Seelsorger des Quartierklosters Philadelphia in Zürich, seit 1905 ein Haus der spirituellen und diakonischen Quartierarbeit.

Diakonische Gemeinschaften beleben den Dritten Sozialraum
Was macht die diakonische Gemeinschaft eigentlich diakonisch? Letztendlich der Dienst am Anderen. Diakonissenhäuser waren die reformierte oder evangelische Antwort auf die Schliessung der Klöster durch die Reformatoren. Aufgerufen zur tatkräftigen Hilfe für Schwache und Kranke. Durch die Jahrhunderte hat sich das Bild freilich verändert.

Den Unterschied zwischen den heutigen Gemeinschaftsformen erklärt der Stadtkloster-Vorstand mit unterschiedlichen Verbindlichkeiten bei geistlich-diakonischen Initiativen: Bewegung, Gemeinschaft, Kommunität. Die Bewegung ist der Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die sich um eine Aufgabe oder Idee sammeln. Wenn solche Bewegungen sich dann eine konkrete Struktur und Verbindlichkeit geben, werden sie als Gemeinschaft wahrgenommen. Wenn sich die Verbindlichkeit auch noch in einem regelmässigen Gebetsleben konkretisiert, spricht man von Kommunität. Gerade in einer verbindlichen Gemeinschaft werde offensichtlich, dass Menschen verletzlich seien, schwach, überheblich oder selbstüberschätzend. Menschen begegneten sich hier mit ihren schwierigen Seiten, sie wollen sich in der Gemeinschaft jedoch weiterentwickeln.

Diakonische Gemeinschaften, insbesondere wenn sie dezentral sind wie die Basler Bethesda-Gemeinschaft, bieten die Möglichkeit, den sogenannten dritten Sozialraum zu beleben, ergänzt Walter Wilhelm. Damit ist der nachbarschaftliche Raum zwischen dem privaten Raum zum Beispiel der eigenen Wohnung und dem öffentlichen Raum gemeint. Eine diakonische Gemeinschaft kann also Menschen in einem Quartier und in einer Nachbarschaft stärken und unterstützen.

Caring Communities und das Diakonat für alle
Im Grunde entsprechen sie damit der Idee der Caring Communities. Das Konzept einer kleinteiligen, nahräumigen, sich umeinander sorgenden Gemeinschaft. An vielen Orten etablieren sie sich, mal kirchlich-diakonisch motiviert, mal seitens der Kommunen oder von Sozialorganisationen angestossen. Das Phänomen ist im Trend, sodass sich aktuell zum Beispiel das Migros Kulturprozent mit den Caring Communities in einer Untersuchung auseinandersetzt. Angesichts des teilweise inflationären Gebrauchs des Begriffs stellt sich bereits die Abgrenzungsfrage, stellt die Migros fest.

Zwischen den beiden Konzepten gibt es Schnittmengen, meint Walter Wilhelm. Beide wollen Menschen gerecht werden und Hoffnung stärken, gerade im Bereich des dritten Sozialraums. Die Chance der Caring Communities sei, in einem überschaubaren Raum für ein bestimmtes Anliegen verschiedene Personen und Organisationen zu versammeln. Damit seien sie nicht Konkurrenz zu diakonischen Gemeinschaften, sondern Partner.

Auch das Stadtkloster Zürich begrüsst die Idee der Caring Communities. Eigentlich werde damit der Wunsch der Reformatoren nach einem allgemeinen Diakonat aufgenommen. Mit ihnen könne auch die Freiwilligenarbeit in Kirchgemeinden in einen grösseren Zusammenhang gestellt, aufgewertet und vernetzt werden. Das Stadtkloster werde im Quartier als Player für Community Building wahrgenommen.

Nicht recht vergleichbar findet Roland Luzi die beiden Modelle. Die professionell organisierte Caring Community sei ein ergänzendes diakonisches Gruppenmodell, jedoch nicht vergleichbar mit einer diakonischen Gemeinschaft, die als Grundlage ihre Spiritualität lebe und Werte wie Gemeinschaft, Verbindlichkeit und Beständigkeit pflege.

Menschen suchen diakonische Gemeinschaft
Im Grunde genommen sind Diakonische Gemeinschaften im Trend. Sie entsprechen zumindest in Teilen dem Konzept der Caring Communities, sie sind im Quartier vernetzt, sie haben sich der Hilfe am Nächsten verschrieben. Und sie sind Trägerinnen einer reichen und jahrhundertealten Tradition, die durch alle Zeiten bis heute ihren Platz hat: Menschen suchen die helfende, also diakonische Gemeinschaft.

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